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08.05.08

Intermezzo (Yom HaAtzmaut)

Wir stehen erst am Anfang - Ausblick / Dieses Buch ist ein Plädoyer, in der Auseinandersetzung mit postbürokratischen und posttayloristischen Organisationsformen bescheidener zu sein. Statt der bei vielen Managern beliebten Ausrufezeichen hinter den Rezepten für die Gestaltung neuer Organisationsformen wären nicht selten Fragezeichen angebracht. Unsicherheit und Verunsicherung - in den flexibilitätsorientierten Unternehmen ein allgegenwärtiges Phänomen - sind auch für den Macher, Betrachter und Berater postbürokratischer Organisationen angesagt. Labilität von Strukturen, lose Kopplungen von organisationsinternen Beziehungen und die Orientierung an Flexibilität statt an Stabilität haben zur Folge, daß sowohl generelle Aussagen als auch allgemeine Ratschläge in bezug auf Wirtschaftsorganisationen schwieriger werden.

Einiges läßt sich - aller Bescheidenheit zum Trotz - jedoch konstatieren: Der tayloristische Siegeszug ist vorbei. In allen untersuchten Unternehmen herrscht Einigkeit, daß die wachsende Komplexität in Wirtschaft und Gesellschaft "nicht durch noch mehr Richtlinien, noch mehr Regeln, noch mehr Kontrolle und noch mehr Bürokratie" in den Griff zu bekommen ist. Es kommt indessen nicht, wie uns bestimmte Postbürokraten glauben machen wollen, zu einer neuen Dominanz von Flexibilität, Innovation und Wandel. Die Gefahr, an einem "Zuviel an Möglichkeiten" zugrunde zu gehen und die Machtkämpfe nicht mehr kontrollieren zu könnnen, zwingt Unternehmen, Auswege aus dem Dilemma gleichzeitiger Flexibilitäts- und Stabilitätsanforderungen anzustreben.

Unternehmenskulturen, Kontextsteuerung, relativ offene Technisierung von Abläufen und Externalisierung von Unsicherheiten sind Indizien, daß wir es auf verschiedenen Ebenen mit einem neuen Mischverhältnis von Wandel und Stabilität zu tun haben. Statt eines völlig neuen, einzig auf Wandel und Selbststeuerung setzenden Organisationstyps handelt es sich bei postbürokratischen Organisationen um einen neuartigen Zusammenbau von herkömmlichen stabilitätsorientierten Organisationsprinzipien mit Elementen einer eleganteren dezentralen, flexiblen Steuerung und Steuerung und der Zuweisung von begrenzter Autonomie an die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Dabei geht es um mehr als nur ein erneutes Austarieren zwischen Stabilität und Flexibilität. Es tritt ein qualitativer Sprung in der Verknüpfung dieser beiden Mechanismen auf. Nur so läßt sich erklären, daß im gleichen Moment Unternehmen in kleinere Einheiten zerfallen und sich durch Vernetzungen zu machtvollen Konglomeraten entwickeln; daß Technisierung gleichzeitig Komplexität vereinfacht und Komplexität steigert; daß diesselben Organisationen sich weiter ausdifferenzieren und durch Enthierarchisierung und Dezentralisierung entdifferenzieren; daß postbürokratische Unternehmen sowohl die Mitarbeiter ermächtigen als auch das Management in seinen zentralen Funktionen belassen; daß Unternehmen in der Lage sind, externes Chaos produktiv umzusetzen, ohne selbst an den Flexibilitätsanforderungen zugrunde zu gehen.

/ Von Stefan Kühl.

ou, si l'on préfère



Acte un
Une voix (off):
Au nord, rien. Au sud, rien.
A l'est, rien. Au l'ouest, rien.
Au cente rien. Le rideau tombe.
Fin de l'acte un.

Acte deux
Une voix (off):
Au nord, rien. Au sud, rien.
A l'est, rien. Au l'ouest, rien.
Au centre rien. Le rideau tombe.

( ... )

Au centre, une teute.
Le rideau tombe. Fin de l'acte deux.

Acte trois et dernier
Une voix (off):
Au nord, rien. Au sud, rien.
A l'est, rien. Au l'ouest, rien.
Au centre, une tente,
et,
devant la teute,
une ordonnance en train
de cirer une paire
de bottes
avec du cirage "lion noir!"

Le rideau tombe.
Fin de l'acte trois et dernier.

[Auteur ininconnu. Appris vers 1947, remémoré en 1973]

07.05.08

Le Corps (L'Autre)

... //
are there people you care about? / what is your wish to them? / shall they share your experience? / do you want to share their's? ...

Wie Freud häufig betonte, ist das Schlüsselmerkmal der Angst auslösenden Träume, in denen der Träumer nackt vor einer Menschenmenge steht, die merkwürdige Tatsache, dass niemand die Nacktheit zur Kenntnis zu nehmen scheint: die Menschenmenge steht, die Menschen gehen einfach vorbei als wäre alles normal ... Ist das nicht der alptraumhafte Szene alltäglich rassistischer Gewalt ähnlich, deren Zeuge ich 1992 in Berlin wurde? Zuerst schien mir, dass auf der anderen Seite der Straße ein Deutscher und ein Vietnamese wie zum Spiel einen ausgeklügelten Tanz umeinander aufführten - ich brauchte einige Zeit, um zu begreifen, dass ich Zeuge eines Falls rassistischer Belästigung war: Wohin auch immer sich der perplexe und verängstigte Vietnamese wendete, der Deutsche versperrte ihm den Weg, hier in Berlin.

Der Grund für mein anfängliches Mißverständnis war ein doppelter: Zuerst die Tatsache, dass der Deutsche seine Belästigung in seltsam kodifizierter Weise durchführte, bestimmte Grenzen respektierte und nicht so weit ging, den Vietnamesen direkt anzugreifen; recht betrachtet hat er ihn eigentlich nicht berührt, er versperrte ihm bloß den Weg. Der zweite Grund war natürlich die Tatsache, dass die Tatsache, dass die vorübergehenden Passanten den Vorfall ignorierten - oder besser zu ignorieren vorgaben -, die Augen abwandten und weitereilten, als wäre nichts passiert. Ist der Unterschied zwischen dieser "harmlosen" Belästigung und dem brutalen körperlichen Angriff eines neonazistischen Skinheads alles, was von der Unterscheidung "Zivilisation und Barbarei" übriggeblieben ist? Und war nicht diese "harmlose" Belästigung in gewisser Weise sogar die schlimmere? Sie ermöglichte den Vorübergehenden, den Vorfall zu ignorieren und als etwas Gewöhnliches zu akzeptieren, was im Falle eines direkten und brutalen körperlichen Angriffs nicht gegangen wäre. Und ich bin versucht, zu behaupten, eine ähnliche Ignoranz, eine Art moralische Epoche setzte auch dann ein, wenn wir dazu geführt werden, die anderen als Homo sacer zu behandeln. Wie aber kommen wir aus dieser misslichen Lage heraus?

/ Von Slavoj Zîzêk.

08.04.08

L'Appartment


Notiz 191 
(Der Deutsche Mensch als Symptom) / Die Aufopferung des Privatlebens auf dem Altar des geheiligten Ideals ist nichts anderes als ein verzweifeltes Anklammern an das Ideal, wenn das Privatleben gestorben ist.

Notiz 258 
(Das hilflose Europa oder Reise vom Hundertsten ins Tausendste) / Und alle beginnen sie, jeder auf seine Weise, damit die Institutionen der Familie zu zerstören: Platon, Jesus, die frühen Kommunisten, die Nazis, die Militaristen und auch die militanten Pazifisten. Die Asketen ebenso wie die orgiastischen Sekten (alte und neue). Erster Schritt zur "Erlösung": Aufhebung der Familie. Auflösung aller intimen Bindungen unter den Menschen zugunsten der vollständigen Eingliederung der "Familie der Revolution".

Notiz 266 
(Die Nation als Ideal und als Wirklichkeit) / Verbrechen - Schuldgefühl - Sühnebedürfnis - Indienststellung für ein Ideal - wiederum Schuld - Begehen eines neuen Verbrechens im Dienst an dem Ideal - erneutes Sühnebedürfnis - verdoppelte Anhänglichkeit an das Ideal - und so weiter. Ein Teufelskreis. 

/ Mixed Sources. 

14.02.08

Exercices

es darf vorausgesetzt werden, dass das wort "der herd des weltkriegs", seit es diesen gegenstand gibt, zwar oft benutzt worden ist, stets jedoch mit einer gewissen ungenauigkeit in der frage, wo dieser gegenstand seinen platz habe. ältere leute, die noch persönliche erinnerungen an jene zeit besitzen, denken da wohl an sarajewo, doch fühlen sie selbst, dass diese kleine bosnische stadt bloss das ofenloch gewesen sein kann, durch das der wind einfuhr. gebildete leute werden ihre gedanken auf die politischen knotenpunkte und welthauptstädte richten. noch höher gebildete dürften mit sicherheit ausserdem die namen von essen, creuzot, pilsen und der übrigen zentren der waffenindustrie im gedächtnis haben. und ganz gebildete werden dem etwas aus der petroleum-, kali- und sonstigen gütergeographie hinzufügen, denn so hat man es oft gelesen.

aus all dem folgt aber bloss, dass der herd des weltkriegs kein gewöhnlicher herd gewesen ist, denn er stand an mehreren orten gleichzeitig. vielleicht sagt man darauf, dass dieses wort bloss bildlich zu verstehen sei. aber dem ist in so voller weise zuzustimmen, dass sich alsbald noch viel grössere verlegenheiten daraus ergeben. denn gesetzt nun, es wolle herd in seiner bildlichkeit ungefähr das gleiche bedeuten, wie ursprung oder ursache ohne solche, so weiss man zwar, dass der ursprung aller dinge und geschehnisse gott ist, aber andererseits hat man nichts davon. denn mit den ursprüngen und ursachen ist es so bestellt, wie wenn einer seine eltern suchen geht: zunächst hat er zwei, und das ist unbezweifelbar; bei den grosseltern aber sind es schon zwei zum quadrat, bei den urgrosseltern zwei zur dritten und so fort in einer sich mächtig öffnenden reihe, die sich nirgends bezweifeln lässt, aber das merkwürdige ergebnis hat, dass es am ursprung der zeiten schon eine fast unendliche unzahl von menschen bloss zu dem zweck gegeben haben müsste, einen einzigen der heutigen hervorzubringen. wenn das auch schmeichelhaft ist und der bedeutung entspricht, die der einzelne in sich fühlt, so rechnet man heute doch zu genau, als dass man es glauben könnte.

schweren herzens muss man also auf seine persönliche ahnenreihe verzichten und annehmen, dass man "ab irgendwo" gruppenweise gemeinsam abstamme. und das hat verschiedene folgen. so die, dass die menschen sich teils für "brüder" halten, teils für "fremdstämmlinge", ohne dass einer diese grenze zu bestimmen wüsste, denn das, was man nation und rasse nennt, sind ergebnisse und keine ursachen. eine andere folge, nicht minder einflussreich, wenn sie auch nicht so offen zu tage liegt, ist die, dass der herr beliebig nicht mehr weiss, wo er seine ursache hat; er fühlt sich infolgedessen wie ein abgeschnittener faden, den die fleissige nadel des lebens haltlos aus- und einzieht, weil man vergessen hat, ihm einen knopf zu machen. eine dritte, jetzt erst aufdämmernde, zum beispiel die, dass man noch nicht nachgerechnet hat, ob und inwieweit es den herrn ebenso-beliebig doppelt und mehrfach gibt; im bereich des erblich möglichen liegt das durchaus, bloss weiss man nicht, wie gross die wahrscheinlichkeit ist, dass es einem wirklich widerfahren könnte, sich selbst zu begegnen, aber ein dumpfer druck davon, dass es bei der heutigen natur des menschen nicht ganz ausgeschlossen sein kann, liegt sozusagen in der luft. und sicher wäre es nicht einmal das schlimmste.

graf leinsdorf, der einen augenblick mit ulrich sprach, erging sich über die adelige einrichtung der kammerherrn. "sechzehn adelige ahnen muss ein kämmerer haben, und darüber halten sich die leute auf, dass das eine arroganz sein soll: aber ich bitt sie, was tun denn die leute selber? nachmachen tun's uns mit ihren rassetheorien" erläuterte er "und übertreiben das gleich in einer ganz und gar unvornehmen weise. meinethalben können wir alle vom gleichen adam abstammen, ein leinsdorf bleibt trotzdem ein leinsdorf, denn das ist lang nicht so sehr eine sache des bluts wie eine der bildung!" seine erlaucht war gereitzt durch das eindringen völkischer elemente in die parallelaktion, das man aus verschiedenen rücksichten bis zu einem gewissen grad dulden musste. der nationalismus war damals bereits nahe daran seine erste blutige blüte zu treiben, aber kein mensch wusste es, denn er sah trotz der nahen erfüllung noch nicht fürchterlich, sondern erst lächerlich aus; sein geistiges anlitz bestand in der hauptsache aus büchern, die mit der fleissigen belesenheit eines gelehrten und der vollen wahllosigkeit des ungeschulten denkens von verfassern zusammengestellt wurden, die irgendwo am land als volksschullehrer oder kleine zollbeamte lebten.

diese auffassung, die man heute fast schon eine natürliche nennen darf, sieht fatalistisch aus, ist es aber nur solange man sie als ein fatum hinnimmt. ein fatum waren aber auch die naturgesetze, ehe man sie erforschte; nachdem dies geschehen war, ist es sogar gelungen, ihnen eine technik überzustülpen. heute fühlt jeder mensch etwas davon, dass diese gesetzmässigkeiten ein haufen von widersprüchen sind und das ihnen zu folgen soviel hiesse, wie jedem einzelnen seiner triebe fröhnen zu können, wobei eben jeder mensch eine wilde und unheimliche freiheit in sich verspürt. sie lässt ihm nur einen vorwärtsführenden weg: das dieses chaos auf eine ähnliche weise, wie das der atombahnen, schliesslich doch einen wert ergebe, und das man mit der genaueren kenntnis des zusammenhangs auch wieder einen sinn haben werde.

das ist ungefähr der sinn des übergangs vom individualismus zum kollektivistischen weltbild, wobei selbstverständlich keine rede davon ist, dass der wert der persönlichkeit aufhöre, sie wird nur eine genauere bewertung erhalten.

Villes Étrangères

Das Spiel von Schema und Variation / Nur dann, wenn wir aus tragischen Ereignissen etwas lernen wollen, müssen wir sie immer wieder aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Sie mit einem Achselzucken und der Annahme "XY ist eben schlecht" zu beschreiben, wäre schlicht allzu einfach. Aber auch eine Kritik an Begriffen wie das Böse oder der Wahnsinn bringt uns nicht viel weiter. Arbeit bedeutet in den hier relevanten Zusammenhängen, aus dem Spielraum von Klischees und Phrasen Handlungsraum zu gestalten. Was wir hierfür brauchen, sind neue Worte, entstanden aus neuen Gedanken, mit deren Hilfe wir eine neue Geschichte erzählen und den alten Geschichten einen anderen Sprachraum ermöglichen. Doch wo können wir neue Gedanken und Worte für die Sprache einer neuen Geschichte finden, wenn nicht in den Überlieferungen unserer Kultur?

Ein Beispiel: Als Kind wusste ich nicht, wo meine Eltern herkamen - wo sie geboren wurden oder wer ihre Eltern waren. Wenn ich sie nach solchen Dingen fragte, sagten sie immer Dinge wie: "Solange ein Kind im Bauch der Mutter wohnt, steht neben ihm ein Engel mit einer brennenden Kerze und lehrt es alles, was es zu lernen gibt. Und in dem Moment, in dem das Kind geboren wird, löscht der Engel die Kerze aus und das Kind hat gelernt, zu vergessen und zu erinnern." Wenn ich sie fragte, ob sie schwarz oder weiss seien, sagten sie: "Wir sind hellhäutig", und wechselten das Thema. Sie, die Tochter eines orthodoxen Rabbiners und er, der Sohn eines westafrikanischen Ingenieurs, schickten meine Geschwister und mich ausnahmlos auf die Universität. Wir wurden unter anderem Ärzte, Professoren, Chemiker, Lehrer, Künstler, Anwälte und Händler - und dennoch erfuhren wir die Herkunft unserer Eltern erst, als wir erwachsen waren. Ich selbst brauchte fast zwanzig Jahre, um ihre aussergewöhnliche Geschichte auszugraben und meine Eltern erzählten sie eher, um mir einen Gefallen zu tun, als aus dem Bedürfnis heraus, in ihre eigene Vergangenheit zurückzukehren.

Im Gegensatz zu meinen Geschwistern fand ich meine Eltern etwas sonderbar. Ihnen lag nichts daran, sich mit den Nachbarn anzufreunden. Über ihre Vergangenheit sprachen sie grundsätzlich nicht und sie tranken Tee aus Gläsern. Sie konnten jiddisch (wie ich herausfand, als ich sie einmal heimlich belauschte) und sie lachten viel. Sie pflegten ein entschiedenes Misstrauen gegenüber Autoritäten, und unser Privatleben war ihnen heilig. Etwas, das sie, und meine ganze Familie für die anderen Menschen in unserer Umgebung noch sonderbarer machte. Nun gut, wie dem auch sei. Auch nach 1945 hörten sie die Worte die Juden unablässig immer wieder in scheinbar unzusammenhängenden Situationen. Für meine Familie hatte sich in dieser Hinsicht bis heute nichts geändert. Meines Wissens hatte ich selbst bis zu jenen unheilvollen Ereignissen noch nie einen Juden gesehen, aber gelegentlich hatte ich gehört, dass meine Freunde über die Juden sprachen. Einmal bekam ich mit, wie sie sich darüber unterhielten, dass man in dem Krankenhaus, in dem meine Schwester zur Welt kam, einen Arzt entlassen hatte, weil er Jude war. "So eine Schande", sagten meine Eltern, "er war so ein lieber Mensch und so ein guter Arzt." Ich schloss für mich daraus, dass uns keinerlei Gefahr drohe und wir weiterhin in Sicherheit seien.

Diese Haltung änderte sich ziemlich rasch, als meine Sinne allmählich die Ideologie betrachteten, die nicht nur von den Lehrern der Stadt in der wir lebten, an uns weitergegeben wurde. Um sicherzustellen, dass wir Kinder auch die richtigen Inhalte vermittelt bekamen, wurden sämtliche Lehrer entlassen, die als politisch unzuverlässig eingestuft wurden. Darunter fielen alle Lehrer jüdischer Abstammung, Lehrer, die in der kommunistischen oder sozialdemokratischen Partei waren, und auch Lehrer, die sich weigerten, den Eid auf die Freiheitlich-Demokratische Grundordnung zu leisten. Vermutlich eines der ersten Opfer dieser Zeit war unsere Klassenlehrerin. Am Ende des zweiten Schuljahres teilte man uns lediglich mit, dass sie an eine andere Schule versetzt worden sei und ein anderer Lehrer, ihren Platz einnehmen würde. Ich habe nie wieder von ihr gehört und weiss nicht, ob man ihr erlaubte, ihre Lehrerkarriere woanders fortzusetzen. Aber das ist lange her.

Jedenfalls arbeitet die Berichterstattung durch die Medien zu diesen und vergleichbaren Dingen in der Regel durchgängig mit der Polarisierung wir, das heisst, die unschuldigen Opfer und die Seite des Rechts, und sie, sprich die Schuldigen, Täter und ihr Unrecht. Ohne eine gewisse Bereitschaft, diese spezielle Einteilung in wir und die anderen zu ändern, werden wir vermutlich im Morast unserer Vorurteile stecken bleiben oder - was noch schlimmer ist - in Gleichgültigkeit versinken.

Es gibt dazu folgenden Gedanken: um die Realität des Sarin-Anschlags zu begreifen, reicht eine rationale Untersuchung der Motive und Theorien seiner Urheber nicht aus. Ebenso unerlässlich ist eine parallele Auseinandersetzung mit unseren eigenen Motiven und Theorien. Könnte der Schlüssel zur Lösung des grausamen Rätsels, das sie uns nach wie vor aufgeben, eventuell sogar auf unserem Territorium vergraben sein. Wir werden das Phänomen Aum als etwas Unbegreifliches, fundamental Anderes, ausserhalb unserer Gesellschaft stehendes verdrängen, das man gerade noch mit einem Fernglas auf der anderen Seite eines Ozeans erkennen kann. Aber auch wenn uns der Gedanke unangenehm ist, werden wir nicht umhin kommen, sie in unser eigenes System zu integrieren. Weit grösser noch als die Gefahr, den Schlüssel zu den Ereignissen nicht bei uns selbst zu suchen, erscheint mir die Versuchung, diesen Anschlag aus einer Distanz zu betrachten, die seine Bedeutung auf ein mikroskopisches, mit blossem Auge nicht mehr erkennbares Ausmass reduziert.

Für Verdrängung und ausweichendes Verhalten gibt es natürlich immer einen bestimmten Grund. Ich selbst erinnere mich noch gut daran, dass Aum sich bei den Unterhauswahlen im Februar 1990 zur Wahl stellte. Asahara kandidierte für den Bezirk Shibuya, in dem ich damals wohnte, und seine Kampagne bestand aus einem ungewöhnlichen Spektakel. Tag für Tag fuhren kleine Lastwagen durch das viertel, aus deren Lautsprechern eine sonderbare Musik ertönte, während weissgewandete junge Männer und Frauen in überdimensionalen Asahara-Masken und Elefantenköpfen winkend und tanzend die Strassen vor meiner U-Bahn-Station säumten. Damals war ich zum ersten mal mit der Existenz von Aum konfrontiert und wandte mich beim Anblick ihrer Wahlpropaganda angewidert ab. Andere Passanten zeigten ähnliche Reaktionen und gingen eilig weiter, ohne die Aum-Anhänger zu beachten. Ich verspürte einen undefinierbaren Schauder, einen mir selbst nicht ganz erklärlichen Ekel, aber ich machte mir auch nicht die Mühe, darüber nachzudenken, woher dieser Abscheu kam. Aum hatte nichts mit mir zu tun. 80 bis 90 Prozent aller Leute würden wahrscheinlich das gleiche tun - vorbeigehen, wegsehen, nicht weiter darüber nachdenken, vergessen. Vermutlich haben die Intellektuellen der Weimarer Republik ganz ähnlich reagiert, als sie Hitler zum ersten Mal begegneten.

Im nachhinein kommt mir meine instinktive, fast überzogene Abwehr dennoch seltsam vor. Im Grunde sind die Strassen doch voll von Anhängern so genannter neuer Religionen, die um Mitglieder werben. Gleichwohl empfinden wir, zumindest gilt das für mich, ihnen gegenüber keinen derartigen Abscheu. Wir nehmen sie zur Kenntnis, und damit hat sich's. Die Tamburin schlagenden, "hare krishna" singenden Jugendlichen mit den rasierten Köpfen sind zwar ein sonderbarer Anblick, dennoch wende ich meine Blicke nicht angeekelt von ihnen ab. Warum tat ich es bei den Anhängern der Aum-Sekte? Was verstörte mich an ihnen so? Ich habe hierzu eine Hypothese. Das Aum-Phänomen verunsichert gerade deshalb, weil es eben doch etwas mit uns zu tun hat. Es ist wie ein Spiegel, aus dem uns unser verzerrtes Abbild entgegengrinst und uns sozusagen ein scharfes Messer an die Kehle setzt. Die hare-krishnas und andere neue Religionen können wir sofort, noch ehe sie richtig in unser Bewusstsein vorgedrungen sind, als bedeutungslos einordnen. Bei der Aum-Sekte war das aus irgendeinem Grund nicht der Fall, und weil ihre Gegenwart (ihr Auftreten, ihr Tanz, ihr Gesang) aktiv und bewusst verdrängt werden musste, verunsicherte sie uns so sehr. Psychologisch gesehen, ich werde die Psychologie nur dieses mal bemühen, sehen sie es mir also nach, verweisen Bilder, die in uns ein starkes psychisches Unbehagen hervorrufen, in Wirklichkeit häufig auf eigene Fehler und Schwächen. Vielleicht würde das meine spontane Abneigung vor dem Bahnhof erklären. Natürlich behaupte ich nicht, dass sie oder ich unter Umständen auch der Aum-Sekte beigetreten wären und Sarin in der U-Bahn freigesetzt hätten. Das wäre unrealistisch und zu weit hergeholt. Ich will damit nur sagen, dass etwas von Aum auch in uns existieren muss, um eine so bewusste Ablehnung zu provozieren. Vereinfacht gesprochen, wären sie dann ein verzerrtes Spiegelbild von uns. Nun ist ein Spiegelbild natürlich stets unscharf und schief. Konvex und konkav, richtig und falsch, Licht und Schatten tauschen die Plätze. Doch wenn man das Unscharfe und Verzerrte beiseite lässt, haben die beiden Bilder grosse Ähnlichkeit und passen teilweise genau aufeinander. Deshalb vermeiden wir es - bewusst oder unbewusst -, dieses Spiegelbild genauer zu betrachten, und sehen lieber über die Unstimmigkeiten hinweg. Wir verbannen die Schatten in ein unterirdisches Reich in unserem Inneren und tragen sie dort mit uns herum.

Interessanterweise entspricht die Vorgehensweise des sogenannten Una-Bombers fast genau derjenigen der Aum-Sekte. Zum Beispiel schickte Aum eine Paketbombe ins Tokyoter Rathaus. Theodore Kaczynskis Ideen sind Aums Ideologie sogar noch enger verwandt als seine Methoden und in ihren Grundzügen ist Kaczynskis Argumentation auch nicht falsch. Viele Segmente des gesellschaftlichen Systems zielen tatsächlich darauf ab, individuelle Autonomie zu verhindern und viele Menschen werden von ihrer Umgebung daran gehindert, ein freies Leben zu führen. Aus der Perspektive der Aum-Anhänger betrachtet, war es tatsächlich so, dass sie, als sie eine gewisse Autonomie zu behaupten versuchten, vom Staat als gegen die Gesellschaft gerichtete Bewegung und auszumerzende Krankheit klassifiziert wurden. Ihre zunehmend antisoziale Haltung war zum Teil eine Folge davon. Dennoch hat Kaczynski - wissentlich oder unwissentlich - einen entscheidenden Aspekt übersehen: Autonomie kann nur im Wechselspiel mit gesellschaftlicher Eingebundenheit entstehen. Das eine existiert nicht ohne das andere. Setzt man einen Säugling allein auf einer Insel aus, erwächst für ihn daraus keine Autonomie. Letztlich stehen die beiden Zustände in einer konstanten Wechselbeziehung, die unauflöslich ist wie die von Licht und Schatten. Jeder Mensch sieht sich zunächst mit der Aufgabe konfrontiert, experimentell seinen Platz als Individuum in der Welt zu entdecken.

Ich habe mit dem Sammeln des Materials für dieses Buch neun Monate nach dem Anschlag begonnen und dann mehr als ein Jahr daran gearbeitet. Das heisst, zum Zeitpunkt der Interviews war schon eine gewisse Zeit vergangen, in der sich die Geschichte "abgekühlt" hatte. Da es sich um eine sehr tiefgehende Erfahrung handelte, waren die Erinnerungen meiner Gesprächspartner noch frisch. Viele von ihnen hatten von ihren Erlebnissen immer wieder berichtet. Einige hingegen hatten seither mit kaum jemandem über den Anschlag gesprochen, oder sie hatten gewisse Einzelheiten nie erzählt. Dennoch hatten alle die Ereignisse innerlich wieder und wieder durchdacht und sie auf diese Weise objektiviert. Daher waren die meisten Berichte sehr realistisch und plastisch, auch wenn sie Erinnerungen bleiben. Nach der Definition eines Psychoanalytikers sind die Erinnerungen eines Menschen nichts weiter als die persönliche Deutung spezifischer Ereignisse. Zum Beispiel lässt sich eine Erfahrung leichter verarbeiten, wenn sie durch den Gedächtnisapparat gefiltert wurde. Dabei werden unerwünschte Teile einfach ausgesondert. Die Reihenfolge des Geschehens kann vertauscht und Unstimmiges stimmig gemacht werden. Die eigenen Erinnerungen vermischen sich mit denen anderer und werden nötigenfalls ausgetauscht. All das geschieht ganz natürlich und unbewusst. Einfach ausgedrückt: die Erinnerung an unsere Erlebnisse wird in eine erzählerische Form gebracht. Bei diesem Prozess handelt es sich mehr oder weniger um eine natürliche Funktionsweise des menschlichen Bewusstseins, die zum Beispiel von Schriftstellern bewusst und professionell genutzt wird. Auch wenn die Wirklichkeit des Erzählten etwas von der Wirklichkeit des Geschehenen abweicht, ist die Geschichte deshalb nicht gelogen, sondern immer noch unverkennbar Wahrheit, wenn auch in anderer Form.

Beim Sammeln meines Materials habe ich mich prinzipiell bemüht, die Aussagen jeder Person innerhalb des Kontexts ihrer Geschichte für wahr zu erachten; das ist immer noch meine Überzeugung. Obwohl die Geschichten von den Personen, die gleichzeitig das gleiche erlebt haben, häufig in Einzelheiten voneinander abweichen, werden sie hier mit allen Widersprüchen präsentiert. Zudem bin ich ohnehin der Ansicht, dass diese Abweichungen und Widersprüche selbst etwas besagen. In unserer facettenreichen Welt sagt das Unstimmige häufig mehr aus als das Stimmige.

/ mixed sources.

Du Tourisme

der kunstreisende, wie sie ihn nannten, war ein dozent, der mit der schmetterlingshaut und dem botanisiertrommelgeist des strebenden kunsthistorikers aus italienischen städten kam. er hatte hier station gemacht, um sich vor der rückkehr einige tage zu erholen und sein material zu ordnen. da sie die einzigen gäste waren, stellte er sich schon am ersten tag den geschwistern vor, man sprach nach den mahlzeiten, oder wenn man sich in der nähe des hauses traf, ein wenig miteinander, und es war nicht zu leugnen, dass dieser mann, obgleich sie über ihn lachte, in gewissen augenblicken eine willkommene entspannung vermittelte.

er war sehr davon überzeugt, dass er als mann und gelehrter etwas bedeute, und machte ihr von der ersten begegnung an, nachdem er erfahren hatte, dass das paar sich nicht auf einer hochzeitsreise befände, mit grosser bestimmtheit den hof. er sagte ihr: "sie ähneln der schönen ... auf dem bilde von ... und alle frauen mit diesem ausdruck, der sich im stirnhaar und in den kleiderfalten wiederholt, haben die eigenschaft ... ."

als sie es ihrem bruder erzählen wollte, hatte sie die details aus dieser unterhaltung schon wieder vergessen, aber es war angenehm wie der feste druck eines masseurs, wenn ein fremder mensch weiss, was man ist, während man sich eben noch so aufgelöst wusste, dass man sich kaum von dem schweigen des mittags unterscheiden konnte. dieser kunstreisende sagte: "frauen sind dazu da, uns träumen zu lassen; sie sind eine list der natur zur befruchtung des männlichen geistes." er schillerte wohlgefällig auf sein paradoxon, welches den sinn der befruchtung umkehrte. sie erwiderte: "es bestehen aber immerhin unterschiede in der art dieser träume!" "ich habe herausgefunden", sagte der kunsthistoriker, "dass es zwei arten von menschen gibt und im lauf der geschichte immer wieder gegeben hat. ich nenne sie die statischen und die dynamischen. wenn sie wollen, die kaiserlichen und die faustischen. die statiker können ein glück als gegenwärtig empfinden. sie sind irgendwie durch ein gleichgewicht charakterisiert. was sie getan haben, und was sie tun werden, greift durch das, was sie eben tun, ineinander über, ist harmonisiert und hat eine gestalt wie ein bild oder eine melodie. hat gewissermassen eine zweite dimension, leuchtet in jedem augenblick als fläche. der pabst zum beispiel, oder der dalai lama; es ist einfach undenkbar, dass sie etwas täten, was nicht in den rahmen ihrer bedeutung eingespannt wäre. dagegen die dynamischen: die sich immer losreissen, vor und zurück bloss blickenden, aus sich heraus rollenden, die unempfindlichen menschen mit aufgaben, unersättlichen, drängenden, glücklosen, - welche die statiker immer wieder überwinden, um die weltgeschichte in gang zu halten."

mit einem wort: er liess durchblicken, dass er wohl beide in sich zu tragen vermöge. "sagen sie", fragte sie, als ob er ganz ernst wäre, "sind die dynamiker nicht auch die, welche in der liebe nichts zu fühlen scheinen, weil sie entweder schon in der phantasie gelebt haben oder erst das wieder entglittene lieben werden? man könnte doch auch das behaupten?" "ganz richtig!" sagte der dozent. "sie sind unmoralisch und ein träumer", erwiderte sie. "diese menschen, welche den rechten punkt zwischen vernunft und vergangenheit niemals finden können - es wird ihnen zum kotzen!" "nun, das möchte ich nicht behaupten", entgegnete er. "doch, doch. sie können verrückt gute oder böse taten begehen, weil ihnen das gegenwärtige nichts bedeutet."

darauf wusste der kunstgelehrte nicht recht zu erwidern und fand, dass sie ihn nicht verstand.

26.01.08

La Ville (Supplement)

Raymond Barre un « Français innocent »? /
Premier ministre, Monsieur Raymond Barre était tout en rondeurs : on pouvait aisément le regarder comme le paradigme du Français innocent, il en avait les airs, les allures, l’onction, le patelin, le débonnaire, il exsudait le bon droit, la légitimité, la satisfaction et le sûreté de soi. Même si aujourd’hui Raymond Barre a gagné en minceur, sa francité n’en a souffert nulle atteinte, on serait presque tenté d’ajouter « hélas ». Ce qui fait problème, s’agissant de lui, c’est la confluence des deux prédicats : « français » et « innocent ». Monsieur Barre en effet récidive : interrogé sur France Culture, le 1er mars, dans une émission intitulée « Le rendez-vous des politiques », l’ex- « meilleur économiste de France » tombe carrément le masque, remplace ses rondeurs anciennes par la hargne têtue, laisse libre carrière à une vindicte qui lui fait réitérer, le jabot gonflé des satisfecit qu’il s’octroie, les proférations sinistres d’il y a vingt-sept ans. La différence, c’est qu’en 1980, quand, après l’attentat de la synagogue de la rue Copernic, Raymond Barre déplorait la mort de « Français innocents », il le faisait « innocemment » si l’on peut dire, parlant selon sa pente naturelle, ne comprenant rien au scandale et à la condamnation unanimes qu’allaient susciter ses propos. Aujourd’hui, il sait, il ne peut pas ne pas savoir, il n’a pas un mot de regret et, voulant mettre les points sur les i, il s’enferre d’une façon aussi révoltante que comique. Que les terroristes massacrent des Juifs à l’intérieur d’une synagogue n’a, pour Monsieur Barre, rien de contraire à l’ordre du monde et au train des choses. Ce qu’il reproche aux auteurs de l’attentat, c’est de ne pas avoir assez « ciblé » l’assassinat, c’est la bavure qui a transformé l’explosion en « attentat aveugle » puisque trois « François innocent », « pas du tout liés à cette affaire » (sic) y ont laissé leur vie. « Ce qui était la caractéristique de ceux qui faisaient l’attentat, c’était de châtier des Juifs coupables » (sic), poursuit-il. Coupables de quoi ? Nul ne le sait, Monsieur Barre ne le dit pas mais on infère aisément : ontologiquement coupables. Tuer, comme ce fut le cas, mon amie, l’Israélienne Aliza Shagir, qui passait elle aussi par hasard, rue Copernic, tuer des femmes juives, des enfants juifs, des vieillards juifs, comme cela arrive ailleurs dans les cafeterias et les autobus, ce n’est pas une action aveugle, mais ciblée et méditée au contraire, puisque, coupables, les Juifs attirent un juste châtiment : en d’autres termes, le terrorisme aveugle semble ne pas gêner Raymond Barre, pourvu qu’il soit ciblé !

Ayant dit, l’ex-Premier enfile les perles dans un très cohérent délire. Après avoir longuement exonéré Maurice Papon de toute faute (la déportation des Juifs n’etait de « faire fonctionner la France »), il reprend à son compte, en la portant à son acmé, l’antienne de la médaille France, tous deux concouraient, chacun à sa façon, à maintenir la Nation en ordre de marche. La Nation, c’est-à-dire les « grands commis » à la Papon et la sacro-sainte admisnistration. Une extraordinaire division du travail et un génie certain de la communication font, selon Barre, que de Gaulle, dès la Libération, maintient en place et en France les fonctionnaires de Vichy pas trop compromis, tandis qu’il expédie au contraire en Allemagne, pour administrer les vaincus, « ceux qui s’étaient trop manifestés dans les voies de la collaboration » (sic !). On n’avait encore jamais entendu cela, le général Pierre Koenig, vainqueur de Bir-Hakeim et premier gouverneur militaire français en Allemagne occupée, doit frémir dans son sépulcre !

Après Papon, l’ex exonère Bruno Gollnish, son ancien collègue d’université et son conseiller municipal quand il était maire de Lyon, bien connu comme négateur obstiné et pinailleur de la Shoah : « Moi, je suis quelqu’un qui considère que les gens peuvent avoir leur opinion, c’est leur opinion » (sic). Raymond Barre, on le voit, est large d’esprit. A la fin des fins, conclusion de tout, il nous livre à deux reprises la clé universelle des attaques portées contre lui et des maux du monde : « le Lobby juif » ! Le lobby juif est un fait de nature : de même que le soleil se lève et que l’eau bout à 100 °C, il y a un lobby juif et c’est lui le reponsable. « Je vous ai parlé très franchement », dit-il à Raphael Enthoven, le présentateur de l’emission : « Que vous me fassiez passer pour un antisémite, pour quelqu’un qui ne reconnaît pas la Shoah, j’ai entendu cela cent fois et cela m’est totalement égal. » Diantre ! Entre le « Lobby juif », la « Conspiration des sages de Sion », la « Juiverie internationale », il faut un trébuchet ultrasensible pour déceler une différence de nature. Même si cela lui est « totalement égal », j’accuse Monsieur Raymond Barre d’être un antisémite. Plus encore : je l’accuse de se faire le héraut de cette passion immonde, de la propager, de s’en glorifier, délit qui tombe sous le coup de la loi.

Cet article a été publié le 6 mars, dans Libération, sous le titre «J’accuse Raymond Barre d’être un antisémite», choisi par la rédaction du journal sans que j’aie été consulté ni averti. J’ai tenu à rétablir ici le titre que j’avais donné à mon texte.

/ De Claude Lanzmann.

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... während meiner arbeit an diesem buch besuchte ich so oft wie möglich die gerichtsverhandlungen gegen die wegen des giftgasanschlags auf die u-bahn in tokyo angeklagten mitglieder der aum-sekte. ich wollte diese menschen mit eigenen augen sehen und mit eigenen ohren hören, was sie zu sagen hatten, um zu erfahren, wer sie waren und was sie dachten. stattdessen wurde ich zeuge unendlich trauriger und, hoffnungsloser und bedrückter szenen. der gerichtssaal kam mir vor wie ein raum ohne ausgang. nachdem wir doch irgendwie hineingelangt waren, hatte er sich in eine alptraumhafte sphäre verwandelt, aus der es kein entkommen gab.

die meisten angeklagten scheinen jeden glauben an ihren guru shoko asahara verloren zu haben. der angebetete meister hat sich als falscher prophet entpuppt, und sie müssen zunehmend erkennen, wie sehr er sie für seine wahnsinnigen zwecke missbraucht hat. dass sie durch ihren gehorsam grausame verbrechen gegen die menschlichkeit begangen haben, hat sie in tiefste selbstzweifel gestürzt, und sie zeigen reue. zumeist sagen sie, wenn sie von ihrem guru sprechen, heute nur noch "asahara", ohne respektvollen titel. bisweilen schwingt sogar ein abfälliger ton mit. ihre einsicht und angst wirken aufrichtig auf mich. kaum vorstellbar, dass diese leute sich zu einer so abscheulichen, sinnlosen tat überreden liessen.

andererseits haben sie an einem gewissen punkt ihres lebens alle weltlichen bindungen gelöst und bei aum shirikyo ein mystisches ideal gesucht - was sie offenbar nicht bereuen. ganz deutlich wird dies, wenn die angeklagten - vom richter zu einzelheiten befragt - die lehre ihrer gemeinschaft zu erklären suchen. dabei fällt häufig der satz: "für die allgemeinheit ist das vielleicht schwer zu verstehen, aber ... " diese ausdrucksweise belegt meines erachtens, dass sie eine spirituelle überlegenheit gegenüber der "allgemeinheit" für sich in anspruch nehmen und sich in gewisserweise immer noch für auserwählt halten. sie sprechen es nicht aus, aber ich lese darin etwa folgende botschaft: "die verbrechen, die wir begangen haben, tun uns unendlich leid. wir haben fehler gemacht. verantwortlich ist jedoch asahara, der uns den befehl dazu gegeben hat. wenn er nicht den verstand verloren hätte, hätten wir unsere aufrichtigen religiösen ziele friedlich, ohne jemanden zu befehligen, verfolgen können." kurz gesagt: "unsere mittel waren falsch. wir bereuen, was wir getan haben. dennoch sind die ziele von aum im kern nicht falsch, und es ist nicht notwendig, sie zu verwerfen."

auf diese überzeugung von der "richtigkeit der ziele" bin ich nicht nur bei meinen interviews mit aum-mitgliedern gestossen, sondern auch bei jenen, die aum verlassen haben und die gemeinschaft jetzt offen kritisieren. alle habe ich die gleiche frage gestellt: ob sie bereuen, aum je begetreten zu sein. fast alle haben dies verneint; kaum jemand betrachtete seine zeit bei aum als vergeudet. warum wohl? das ist leicht zu beantworten: diese menschen entdeckten bei aum eine reinheit der absichten, die sie im alltäglichen leben nicht fanden. selbst wenn alles mit einem schrecklichen alptraum zu ende ging, ist ihnen die warme, strahlende erinnerung an den frieden geblieben, den sie anfangs bei aum fanden. dieses gefühl ist nicht leicht zu ersetzen. man kann also sagen, dass aum in ihnen noch lebendig ist und ihnen sogar energie verleiht. das bedeutet nicht, dass sie möglicherweise zu aum zurückkehren würden. sie wissen jetzt, dass es sich um eine falsche und gefährliche ideologie handelte und das ihre beziehungen zu aum voller widersprüche und defizite war.

dennoch habe ich den eindruck, dass eine idealvorstellung von aum in ihnen weiterlebt, eine lichte, utopische erinnerung, die sich ihnen tief eingeprägt hat. und sollte eines tages wieder ein ähnliches licht vor ihnen aufleuchten - es muss nicht einmal eine sekte sein -, werden die alten erinnerungen sie vielleicht wieder dorthin ziehen. daher bergen "aum-ähnliche lehren" für unsere gesellschaft im augenblick grössere gefahren als aum selbst. nach dem sarin-anschlag richteten sich aller augen und ohren auf aum-shinrikyo. immer wieder wurde die frage laut, warum "eine so hoch gebildete elite" sich einer so absurden und gefährlichen sekte zugewandt hatte. tatsächlich setzte sich die führungsspitze von aum fast ausschliesslich aus gut gebildeten akademikern zusammen. so ist es kein wunder, dass die gesellschaft davon schockiert war. der umstand, dass menschen mit derart vielversprechenden aufstiegsmöglichkeiten so leicht auf den status, den die gesellschaft ihnen anbietet, verzichten, um sich stattdessen einer sekte anzuschliessen, gilt vielen beobachtern als ernst zu nehmendes indiz für einen entscheidenden defekt des japanischen erziehungssystems.

während meiner gespräche mit mitgliedern und auch ehemaligen mitgliedern von aum gewann ich jedoch den deutlichen eindruck, dass sie diesen weg nicht trotz ihrer zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen elite eingeschlagen hatten, sondern im gegenteil gerade deswegen. hier bietet sich ein vergleich mit der rolle an, die in der vorkriegszeit für viele japanische intellektuelle die mandschurei gespielt hat. 1932 hatte japan auf chinesischem boden den marionettenstaat "manchukuo" errichtet, und wie bei aum shinrikyo gab eine akademische elite - die besten verwaltungstechniker, naturwissenschaftler und gelehrten - eine vielversprechende zukunft in japan auf, um neue möglichkeiten jenseits des ozeans zu suchen. die meisten von ihnen waren jung, voller ehrgeiziger pläne, sehr begabt und gut ausgebildet. wenn sie jedoch den restriktiven strukturen des japanischen staates unterworfen blieben, würden sie ihre fähigkeiten niemals ganz zur wirkung bringen können. genau aus diesem grund entschieden sie sich für jenes flexiblere land, das experimente zuliess, auch wenn dies bedeutete, einen vorgegebenen, sicheren pfad zu verlassen.

in diesem punkt waren jene jungen intellektuellen idealistisch und ihre motive rein. zudem waren sie überzeugt, einem höheren zweck zu dienen und sich auf dem richtigen pfad zu befinden. aber ihrem unternehmen fehlte ein entscheidender aspekt. heute wissen wir, dass dasjenige, was fehlte, "ein mehrdimensionales historisches bewusstsein" war; oder, auf konkreter ebene, eine "verbindung zwischen wort und tat". dagegen begannen beschönigende schlagworte wie "die harmonie der fünf völker" oder "die ganze welt unter einem dach" ein eigenleben zu führen, während im hintergrund die blutige realität das moralische vakuum füllte, bis der sturmwind der geschichte die ehrgeizigen technokraten davonwirbelte. der sarin-anschlag der aum-sekte liegt noch nicht lange zurück, als dass alle seine implikationen genau zu analysieren wären. dennoch lässt sich dasjenige, was ich über die bedeutung der mandschurei gesagt habe, in eingeschränkter form auch auf aum anwenden. beiden bewegungen fehlte die anbindung in einen grösseren zusammenhang, und aus diesem mangel an wirklichkeitsbezug ergab sich die besagte diskrepanz zwischen sprache und handeln.

zweifellos hatten die angehörigen des aum-ministeriums für wissenschaft und technik in der regel ganz verschiedene gründe für ihren entschluss, der welt zu entsagen und sich aum anzuschliessen. gemeinsam war ihnen jedoch der wunsch, ihre fachkenntnisse und fähigkeiten in den dienst eines hören ziels zu stellen, da sie begründete zweifel an der unmenschlichen, utilitaristischen tretmühle des gesellschaftssystems hatten, dem sie angehörten und an das sie ihre fähigkeiten und bemühungen nicht länger verschwenden wollten; denn damit hätten sie den sieg ihrer existenz verfehlt. ikuo hayashi, durch dessen beteiligung am sarin-anschlag zwei u-bahn-beamte ums leben kamen, gehört eindeutig zu diesem typus. er galt als ein ausgezeichneter chirurg, der sich leidenschaftlich für seine patienten engagierte. vielleicht entwickelte er gerade darum ein tiefes misstrauen gegen unser widersprüchliches, mangelhaftes gesundheitssystem und fühlte sich so stark von der aktiv spirituellen welt aum shinrikyos angezogen, die ihm eine überwältigende, vollkommene utopie anbot.

in seinem buch aum und ich beschreibt er seine damaligen vorstellungen: "in seiner predigt schilderte asahara uns das 'shambala-programm'. dazu gehörte der bau des 'lotus village', in dem es ein astral-krankenhaus und eine shinri-schule geben sollte, die eine gründliche ausbildung gewährleisten würde. (...) die medizinische behandlung sollte nach einer astral-medizin erfolgen, die auf asaharas visionen von einer weiteren (astralen) dimension und den erinnerungen an frühere leben basierte. die astral-medizin erforschte das karma und den energie-zustand des patienten, unter berücksichtigung des todes und der seelenwanderung (...) ich träumte von einer natürlichen landschaft, in der einzelne gebäude verstreut im grünen lagen. dort würde ich mich mit meiner ganzen kraft der medizinischen versorgung und meiner askese widmen. mein traum und 'lotus village' waren eins." hayashi träumte also davon, sich einer utopie zu verschreiben, unbelastet von irdischen zwängen strenge askese zu üben sowie eine medizin zu praktizieren, die er aus ganzem herzen vertreten konnte, und damit so vielen patienten wie möglich zu helfen. selbstverständlich waren seine absichten lauter, und die beschriebene vision besitzt einen tugendhaften glanz.

betrachtet man das ganze jedoch einmal nüchtern, wird deutlich, wie weit diese unschuldige schilderung von der wirklichkeit entfernt ist. die landschaft erscheint uns wie ein eigenartig flaches gemälde, ohne perspektive oder tiefenschärfe. wären wir damals, als dr hayashi aum-mitglied wurde, mit ihm befreundet gewesen und hätten versucht, ihm vor augen zu führen, dass seine vorstellungen realitätsfremd seien, hätten wir vermutlich keinen erfolg damit gehabt. andererseits hätten wir dr hayashi etwas sehr einfaches sagen können: wirklichkeit ent- und besteht aus widersprüchen, und wenn man diese ausschliesst, kommt auch die wirklichkeit abhanden. und: selbst wenn man zunächst glaubt, sie durch raffinierte sprache und logik eliminieren zu können, wird die scheinbar besiegte wirklichkeit ihrem feind irgendwo auflauern und sich rächen. wahrscheinlich hätte diese argumentation dr hayashi nicht überzeugen können. er hätte mit fachterminologie und logik geschickt widersprochen und erklärt, wie richtig und gut der weg doch sei, den er gehen würde. bis wir dann irgendwann geschwiegen hätten.

das schlimme daran ist, dass eine der realität entfremdete sprache und logik häufig grössere macht entwickeln als die sprache und logik der wirklichkeit, denn das ganze konglomerat aus verwirrung und widersprüchen liegt ihr wie ein felsbrocken im weg. so hätten wir, unfähig, einander zu verstehen, schliesslich getrennte wege gehen müssen. bei der lektüre von dr hayashis aufzeichnungen müssen wir oft nachdenklich innehalten und uns fragen, wie es überhaupt so weit kommen konnte. gleichzeitig ergreift uns ein gefühl von ohnmacht, weil wir wissen, dass wir ihn niemals hätten zurückhalten können. eine seltsame traurigkeit nimmt von uns besitz. besonders niedergeschlagen macht uns der gedanke, dass ausgerechnet diejenigen, die unserer "zweckorientierten gesellschaft" so kritisch gegenüberstanden, das argument der nützlichkeit gebraucht und am ende so viele menschen umgebracht haben. andererseits hält sich wahrscheinlich niemand für so unbedeutend, dass es ihm nichts ausmachen würde, in den mühlen eines systems zermalmt zu werden und dann zu sterben. eigentlich möchten wir doch alle wissen, wozu wir auf der welt sind und warum wir am ende sterben und verschwinden. steht es uns da überhaupt zu, menschen zu verurteilen, die sich ernsthaft um antworten bemühen?

doch genau an dieser stelle könnte uns ein tödlicher fehler unterlaufen. die physiognomie der wirklichkeit beginnt sich zu verzerren; plötzlich erkennen wir, dass der ort der verheissung sich verändert hat und nicht mehr derjenige ist, dem unsere suche galt. wie es in mark strands gedicht heisst: "die berge sind keine berge mehr; die sonne ist nicht die sonne." damit es keinen zweiten und dritten ikuo hayashi mehr geben wird, ist für unsere gesellschaft von essentieller wichtigkeit, die fragen, die durch den sarin-anschlag tragischerweise aufgeworfen wurden, in all ihren facetten zu analysieren. anscheinend haben die meisten von uns mit der sache abgeschlossen. vor sie war es schlimmer vorfall, aber nun, da alle schuldigen hinter schloss und riegel sind, fühlen sie sich nicht mehr direkt betroffen. dennoch sollten wir uns vor augen führen, dass der grossteil der menschen, die sich einer sekte anschliessen, nicht sonderlich aus dem rahmen fallen. sie sind weder auf der strecke gebliebene noch exzentriker, sondern völlig normale (vielleicht sogar allzu normale) menschen, die in unserer mitte leben. vielleicht grübeln sie ein bisschen zu viel. oder sie tragen einen kleinen kummer im herzen. oder sie können sich ihren mitmenschen nicht öffnen und sind deshalb bedrückt. oder sie finden keine möglichkeit, sich zu verwirklichen, und schwanken heftig zwischen stolz und minderwertigkeitsgefühlen hin und her. vielleicht gehöre ich selbst zu ihnen. oder sie.

ich habe noch ein weiteres persönliches motiv, mich für den sarin-anschlag in tokyo zu interessieren: er fand unterirdisch statt. unterirdische welten wie brunnen, gänge, höhlen, unterirdische flussläufe und kanäle, u-bahnen und dergleichen mehr haben mich als schriftsteller und als individuum schon immer stark fasziniert. die idee einer verborgenen passage - allein schon die vorstellung beflügelt meine phantasie und lässt in mir geschichten entstehen. in zweien meiner romane spielen unterirdische schauplätze eine besonders wichtige rolle. die helden steigen auf der suche nach etwas bestimmtem in unterirdische welten hinab und erleben dort allerlei abenteuer. natürlich tauchen sie in zweifacher hinsicht in diese unterwelten ein: physisch und psychisch. in dem einen roman lebt unter der erde seit undenklichen zeiten eine erfundene spezies. es sind grässliche kreaturen ohne augen, die sich von verwesendem fleisch ernähren. sie haben unter der stadt tokyo ein weit verzweigtes netz von gängen gegraben, die ihre nester verbinden. gewöhnliche menschen ahnen nichts von ihrer existenz.

der held des romans steigt in diese geheimnisvolle unterirdische welt hinab und stösst auf die grausigen spuren der schwärzlinge. er bahnt sich einen weg durch die finstere tiefe und gelangt an der u-bahn-station aoyama-itchome unversehrt wieder in die oberwelt. nachdem ich diesen roman geschrieben hatte, bildete ich mir manchmal, wenn ich mit der u-bahn fuhr, ein, ich sähe diese kreaturen in der dunkelheit. ich stellte mir vor, sie würden einen felsen auf die schienen rollen, den strom unterbrechen, die fenster einschlagen, in die wagen eindringen und uns fahrgäste mit ihren messerscharfen zähnen zerfetzen ... zugegeben, eine sehr kindliche phantasie. wie in einem billigen horrorfilm. dennoch hatte ich, wenn ich an der tür stand, das gefühl, wenn sich in der dunkelheit im glas die vorbeihuschenden pfeiler spiegelten, die abscheulichen kreaturen zu sehen. als ich von dem sarin-anschlag in der u-bahn erfuhr, fielen mir diese kreaturen ganz unwillkürlich wieder ein. einer persönlichen angst - oder einem wahn - zufolge bildete ich mir ein, es gäbe zwischen den von mir geschaffenen bösen wesen und jenen finsteren eindringlingen, die den pendlern in der u-bahn aufgelauert hatten, eine verbindung.

diese verbindung hat für mich eine grosse bedeutung und war mein persönliches motiv, das vorliegende buch herauszugeben. ich hatte nicht die absicht, die angehörigen der aum-sekte als grässliche ungeheuer zu bezeichnen, und dass ich dem einen meiner romane diese kreaturen geschaffen habe, sagt höchstens etwas über meine urängste aus. vielleicht entspringen sie einem urgrund unseres bewusstseins, dem kollektiven unterbewussten. für mich bedeuten sie schlicht den inbegriff der gefahren, die stets im dunkeln lauern und denen wir in wirklichkeit nie begegnen. dennoch drängen diese in tiefster finsternis verborgenen "monster" zeitweise nach oben und nehmen in unserem bewusstsein gestalt an. normalerweise fliehen wir vor den phänomenen des dunkels und ziehen das licht der sonne vor. aber bisweilen finden wir im schutz der dunkelheit trost und heilung. auch das brauchen wir. weiter aber wagen wir uns nicht voran; die verschlossene tür, die ins tiefste innere führt, dürfen wir unter keinen umständen öffnen. denn jenseits von ihr entfaltet sich die undurchdringlich finstere geschichte der schwärzlinge. daher haben in meiner persönlichen deutung (in meiner geschichte) die fünf täter der aum-sekte, die mit ihren schirmspitzen jene mit sarin gefüllten plastikbeutel durchstiessen, im dunklen untergrund von tokyo schwärme von schwärzlingen freigelassen. allein die vorstellung, erfüllt mich mit grauen, angst und ekel. auch wenn es banal klingt, muss ich es laut aussprechen: "das hätten sie niemals tun dürfen. aus keinem erdenklichen grund."

/ von haruki murakami.

25.01.08

Du Mouvement

Begegnung in der Kastanienallee /

Ihm ward des Eingangs grüne Dunkelheit
kühl wie ein Seidenmantel umgegeben
den er noch nahm und ordnete: als eben
am anderen transparenten Ende, weit,

aus grüner Sonne, wie aus grünen Scheiben,
weiß eine einzelne Gestalt
aufleuchtete, um lange fern zu bleiben
und schließlich, von dem Lichterniedertreiben
bei jedem Schritte überwallt,

ein helles Wechseln auf sich herzutragen,
das scheu im Blond nach hinten lief.
Aber auf einmal war der Schatten tief,
und nahe Augen lagen aufgeschlagen

in einem neuen deutlichen Gesicht,
das wie in einem Bildnis verweilte
in dem Moment, da man sich wieder teilte:
erst war es immer, und dann war es nicht.

/ Von Rainer Maria Rilke. Entstehung: Sommer 1908, vor dem 15.07.1908 in Paris. Thema: Die Dialektik der Zeit: Das “momentane” Ereignis von Begegnung und Trennung erreicht einen der physikalischen Zeit enthobenen Zustand des Verweilens - analog zum Aufgehobensein eines jeden Ereignisses im Kunstwerk -, es ist für einen Augenblick “immer”, aber dann sogleich unwiderruflich nicht mehr.

03.01.08

La Campagne

on the necessity for formal metadata for unstructured information in the world wide web / without metadata an efficient search on a semantic level will turn out to be impossible, above all if it is not only applied to a terminological level but also to spatial-temporal knowledge.

in this context, the task of information integration is devided into: syntactic, structural and semantic integration. the last class by far being the most difficult, above all with respect to contextual semantic heterogenities.

as there are:

- intelligent search
- integration and / or translation of the data found
- search and relevance for spacial terms or concepts
- search and relevance for temporal terms